Vom 15-Mann-Team zum 600-Köpfe-Studio: Owlcat wagt den Sprung Richtung Mass Effect
Zehn Jahre, zwei Großprojekte gleichzeitig und plötzlich eine Belegschaft, die es locker mit den Großen der Branche aufnehmen kann: Owlcat Games hat sich vom Nischen-Entwickler klassischer Rollenspiele zu einem ernstzunehmenden Studio-Schwergewicht gemausert. Wie unabhängig von PCGamesN und Wccftech berichtet wurde, zählt der Cyprus-Entwickler inzwischen rund 600 Angestellte. Damit liegt Owlcat sogar vor Larian Studios, das zuletzt bei über 500 Mitarbeitern lag, und weit vor Obsidian, das nach den jüngsten Microsoft-Kürzungen nur noch niedrige zweihundert Köpfe zählt. Selbst BioWare, einst mit 500 bis 600 Angestellten der Platzhirsch des Genres, ist nach den Entlassungswellen rund um Dragon Age: The Veilguard laut Schätzungen auf 100 oder weniger Mitarbeiter zusammengeschrumpft.
Angefangen hat alles winzig: Owlcat startete 2016 mit gerade einmal 15 Leuten, viele von ihnen ehemalige Nival-Entwickler, die zuvor an Heroes of Might and Magic V mitgewirkt hatten, ergänzt durch Kollegen aus den MMO-Projekten Allods Online und Skyforge. Über die Jahre wurde daraus mit Pathfinder: Kingmaker, Wrath of the Righteous und Warhammer 40.000: Rogue Trader eine feste Adresse für Fans dichter, textreicher Rollenspiele im Stil klassischer Infinity-Engine-Titel. Heute betreibt das ursprünglich in Moskau gegründete, inzwischen in Paphos auf Zypern beheimatete Studio zwei Großprojekte parallel: den isometrischen CRPG-Nachfolger Warhammer 40.000: Dark Heresy und mit The Expanse: Osiris Reborn erstmals ein actionorientiertes Third-Person-Rollenspiel, das unübersehbar Anleihen bei der Mass-Effect-Reihe nimmt.
Genau dieser Spagat zwischen altbekannter CRPG-Tiefe und cineastischer Action sorgt aktuell für Diskussionsstoff. Mitgründer und Creative Director Alexander Mishulin stellte gegenüber PCGamesN klar, dass Owlcat seinen Wurzeln treu bleiben will und die klassischen, rundenbasierten Rollenspiele nicht aufgeben wird, weil das Team einfach Leidenschaft dafür empfindet – zugleich wolle man aber nicht stehen bleiben und für jedes neue Projekt den passendsten Ansatz suchen, statt immer die gleiche Schablone zu wiederholen. In der Fachpresse kommt das bisher gut an: Hands-on-Berichte von PC Gamer, Neowin und Space.com zu The Expanse: Osiris Reborn loben unabhängig voneinander, wie überraschend souverän Owlcat den Sprung von der isometrischen Perspektive zu actionreichem Third-Person-Gameplay hinbekommt, inklusive spektakulärer Zero-G-Gefechte und stimmiger Gesichtsanimationen. Die Community reagiert unterdessen gespalten: Während viele Langzeitfans die Rückkehr zu Dark Heresy als Beweis werten, dass das Studio seine CRPG-Seele nicht verkauft, gibt es auch Stimmen, die skeptisch bleiben, ob ein Studio zwei derart unterschiedliche Großprojekte gleichzeitig auf hohem Niveau stemmen kann – zumal parallel auch noch Konkurrenzprojekte wie Archetype Entertainments Exodus mit ähnlichem Mass-Effect-Anspruch ins Rennen gehen.
Wir finden es bemerkenswert, dass ein Studio, das vor zehn Jahren mit einer Kickstarter-Kampagne für ein Nischenspiel gestartet ist, heute größer ist als BioWare in dessen aktuellem Zustand – das sagt viel über die Verschiebungen in der Branche aus. Gleichzeitig ist die Doppelstrategie aus unserer Sicht ein echtes Wagnis: Wenn Owlcat sowohl hartgesottene CRPG-Fans als auch ein Mass-Effect-hungriges Massenpublikum bedienen will, muss beides überzeugen, sonst verliert man am Ende beide Zielgruppen statt beide zu gewinnen. Die bisherigen Previews zu Osiris Reborn machen uns aber vorsichtig optimistisch, dass Owlcat genau diesen Drahtseilakt schaffen könnte.
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